Warum Veränderung meist leise beginnt
Veränderung wird oft mit großen Entscheidungen, Paukenschlägen und dramatischen Wendepunkten verbunden. In der Realität beginnt sie jedoch fast immer anders: leise, unscheinbar, manchmal kaum spürbar. Wie ein leiser Impuls, ein inneres Ziehen, ein Gedanke, der sich immer wieder meldet.
Klar, es gibt diese Momente, in denen sich ganz grosse Veränderungen schlagartig ereignen und entsprechend ins Gedächtnis einbrennen. Ich denke da z.B. an Naturkatastrophen wie der Tsunami im Jahr 2004 der in Japan und weiten Teilen von Südostasien riesige Schäden angerichtet hat. Der viele Schicksale und Lebenswege abrupt und ganz brutal in andere Bahnen gelenkt oder ausgelöscht hat. Solche dramatische Wendepunkt gibt es auch, aber sind sehr zum Glück sehr viel weniger häufig, als wir vielleicht meinen. Meistens passieren Veränderungen oder genauer gesagt, entstehen die Auslöser dazu im Kleinen und erfolgen still und unscheinbar.
Diese Woche ist es wunderbar warm, die Sonne scheint und die Menschen blühen geradezu auf. In der Stadt sehe ich mehr Lachen und nehme eine Leichtigkeit war, die im grauen Winter nicht da war. In der Natur beginnen die ersten Triebe zu spriessen. Sie sind noch klein und zart, kaum sichtbar, aber wenn man genau hinsieht, sind sie da. Oft fällt uns der Frühling erst dann auf, wenn die Bäume grün werden, die Blätter grösser und auffälliger sind und mehr Raum einnehmen. Damit sie aber haben wachsen können, hat die Pflanze bereits letzten Herbst die Knospen gemacht und der Anfang der Veränderung vom kahlen Baum zum grünen Dach beginnt klein.
Ebenso entstehen bei uns Menschen Veränderungen meist unscheinbar bevor sie gross geworden sind und Fahrt aufgenommen haben, dass wir sie im Alltagslärm überhaupt wahrnehmen. Im Coachingalltag begegnet mir Veränderung bei Coachees selten durch Sätze wie «Ich will mein Leben komplett umkrempeln.» Häufiger beginnt sie so:
«Irgendwie passt das nicht mehr.»
«Ich fühle mich ausgelaugt und stehe oft neben mir.»
«Macht das überhaupt noch Sinn, was ich da mache, und bin das wirklich noch ich?»
«Ich weiß noch nicht wohin – aber so möchte ich nicht weiter.»
Das sind keine lauten Geräusche, sondern leise Wahrnehmungen. Sie entstehen, wenn der innere Kompass sich neu ausrichtet oder etwas poetischer wenn sich deine die Seele mit einem Bedürfnis meldet. Genauso wie die Pflanze im Herbst bereits fast im Verborgenen die Knospen für das neue Wachstum anlegt und bevor bei uns der Verstand eine Strategie für die Veränderung formulieren kann.
Du bemerkst zum Beispiel, dass du dich im aktuellen Job (oder deinem Hobby oder einer Beziehung oder, oder, oder) nicht mehr wieder erkennst. Kein Drama, kein Knall, einfach ein Gefühl und eine leise beginnende Fremdheit. Du beginnst dir vielleicht folgende oder ähnliche Fragen zu stellen (oder ein Coach stellt sie dir dann ;-) ):
Wer bin ich eigentlich heute bzw. bin ich noch der, der mal mit diesem Job angefangen hat?
Was hat sich für mich verändert? Welche meiner Werte sind gewachsen, welche haben an Bedeutung verloren und welche sind allenfalls sogar neu hinzugekommen?
Was möchte ich in die Welt tragen und teilen und kann ich das im aktuellen Umfeld überhaupt?
Die eigentliche Veränderung beginnt nicht damit, dass du irgendwann den Job (oder das Hobby etc.) wechselst – sondern sie begann bereits dann, als du dir eingestanden hast, dass du nicht mehr der/die von damals bist und sich etwas still und leise verändert hat.
Wie geht es dir mit Veränderung? Merkst du gerade, dass du an einem Punkt bist, an dem sich die obigen Fragen stellen und sich bereits ganz unbemerkt kleine Knospen gebildet haben? Möchte eine neue Tür aufgehen? Oder bist du mit dem wie es gerade ist gerade «vögeliwohl» und es ist gut so? So oder so finde ich es wertvoll, sich immer mal wieder Zeit zu nehmen zu hören und fühlen, ob sich da ganz leise etwas ankündigt und Platz haben möchte.