Deine Bühne. Deine Anteile. Deine Regie.
Ein Weg zu innerer Klarheit, Präsenz und Wachstum durch systemische Erlebnispädagogik
Beim Schreiben dieses Beitrags komme ich aus einem Clownkurs bei Renata Togni zurück. Meine Gesichtsmuskeln spüren noch immer die Heiterkeit. Ich merke, wie viel passiert, wenn ich meinen inneren Anteilen und Grundemotionen Platz gebe. Genau das gehört für mich zur systemischen Erlebnispädagogik. Du arbeitest nicht nur mit deinem Verhalten, sondern mit deiner inneren Dynamik.
Innere Anteile sprechen ständig mit dir. Manche laut, manche leise und manche halten dich zurück. Andere drängen nach vorne. In der Parts Party nach Virginia Satir bekommst du ein klares Bild davon. Diese Methode nutzen wir in der systemischen Erlebnispädagogik, weil sie deine innere Vielfalt sichtbar macht. Du erkennst, wer gerade die Bühne betritt. Du übernimmst die Regie und gibst klare Anweisungen.
Im Clownsein zeigte sich das deutlich. Ich gab der Heiterkeit Raum, liess Wut, Trauer, Freude, Überraschung, Angst, Ekel und Verachtung ihren Ausdruck finden. Direkt, offen und ohne Scham. Du brauchst die Erlaubnis, dich zu zeigen. Du brauchst Mut, deinen Impulsen zu folgen. Du gehst in Kontakt und nimmst das Publikum wahr. Du machst einen Punkt, wenn der Moment reif ist. Du arbeitest mit der Magie des Augenblicks.
Im Clown-Sein liegen Freude und Leid nahe beieinander: Die Leichtigkeit, die Heiterkeit und gleich daneben die Trauer. Der Clown weiss darum. Er weicht nicht aus - er hält aus. Er bleibt präsent, wenn es still wird.
Der Clown bleibt präsent, wenn es still wird…
Ein paar Wochen nach dem Clownkurs verunglückte ein ehemaliger Schüler von uns bei einem Skiunfall tödlich. In mir war sofort klar, was es nun brauchte. Kein Reden, keine Erklärungen sondern ein Raum für echtes Zusammenstehen. Also haben wir die ehemalige Klasse eingeladen zu einem Feuer im Wald.
Zwölf Jugendliche hatten sich angemeldet. Am Ende standen siebenundzwanzig junge Menschen ums Feuer. Schulter an Schulter. Wir haben die Metapher der Seilschaft aufgenommen: Alle sind verbunden - wir untereinander - wir mit dem verstorbenen jungen Mann. Niemand steht allein, niemand fällt aus dem Verbund. Wir haben zwei Lieder gehört, eine Trauerbegleiterin gab hilfreiche Impulse in die Runde - wir haben die Verbundenheit und Betroffenheit in dieser Runde gespürt. Wir haben geschwiegen. Es gab Momente, da war es vollkommen still. Alle Gefühle hatten Platz.
Verbundenheit spüren - die Trauer miteinander teilen…
Der Naturraum hat uns getragen. Das Feuer, die Kälte, der Boden unter den Füssen. Kein Anteil musste zurückgehalten werden und kein Gefühl erklärt werden. Alles durfte da sein.
Ein paar Tage später haben wir mit der jetzigen Klasse dasselbe getan: Wieder ein Feuer und ein bewusster Rahmen mit Raum für unsere Trauer. Wir haben gehalten - nichts beschleunigt, nichts zugedeckt.
Diese Erfahrung gehört für mich unmittelbar zur systemischen Erlebnispädagogik. Es geht nicht um Aktion, sondern um Präsenz. Es geht darum, zu spüren, was ein System jetzt braucht, um dann den Raum so zu öffnen, dass Menschen sich zeigen können.
Stille und Präsenz.
Hier schliesst sich der Kreis zum Clown-Sein. Der Clown hält Gegensätze: Freude und Schmerz - Nähe und Stille - Bewegung und Innehalten. Er spielt nicht über etwas hinweg - er bleibt und nimmt wahr. Er setzt einen Punkt, wenn der Moment reif ist.
Innere Anteile zeigen sich genau in solchen Momenten. Der Teil, der Halt sucht. Der Teil, der weinen will. Der Teil, der Nähe braucht. Der Teil, der einfach nur dastehen kann. In der systemischen Erlebnispädagogik geben wir diesen Anteilen Raum: Im Körper, im Tun, im gemeinsamen Erleben.
Wenn sich Menschen von uns begleiten lassen, erleben sie Räume, die tragen. Wir bleiben ruhig, auch wenn es still wird. Wir halten aus, wenn Gefühle auftauchen und strukturieren, ohne zu kontrollieren. Wir lassen Prozesse entstehen, ohne sie zu lenken. Menschen spüren, dass sie da sein dürfen. Mit ihrer Freude. Mit ihrer Trauer. Mit ihrer Lebendigkeit.
Das ist keine Technik - sondern Haltung. Und genau daraus entsteht Wachstum.
Gemeinsam ums Feuer stehen…
Systemische Erlebnispädagogik verbindet das Aussen mit dem Innen. Sie arbeitet mit echten Situationen, mit Natur, Körper und Beziehung. Mit dem, was sich zeigt, wenn Menschen handeln und sich selbst dabei beobachten. Nicht als Konzept, sondern als Erfahrung.
Du gehst hinaus, bist im Wald, baust ein Camp und spürst Wärme, Kälte oder Nässe. Vielleicht stolperst du - vielleicht hältst du inne... Und genau darin zeigen sich deine inneren Anteile. Der Teil, der Sicherheit sucht oder Schutz braucht. Der Teil, der trägt und aushält. Die Bühne entsteht nicht im Kopf, sondern im Erleben.
Die systemische Haltung gibt diesem Erleben Orientierung. Du beobachtest ohne Bewertung. Du fragst nach Sinn und Zusammenhang. Du erkennst die Wechselwirkung zwischen dir, den anderen und dem Umfeld. Du gehst davon aus, dass jeder Anteil eine gute Absicht hat, auch dann, wenn er unbequem ist.
So entsteht Entwicklung. Nicht durch Druck und Erklärungen, sondern durch Präsenz und gelebte Erfahrung. Menschen finden ihren nächsten Schritt, weil sie sich selbst klarer begegnen.
Und manchmal zeigt sich Wachstum genau dort, wo Freude und Trauer nahe beieinander liegen. Wo ein Feuer brennt, wo Stille getragen wird und Menschen zusammenstehen. Auch das gehört zur systemischen Erlebnispädagogik.